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Zwischen Hoch- und Niedrigwasser vergehen rund sechs Stunden, und in dieser Zeit fällt das Wasser nicht gleichmäßig. Am Scheitel steht es fast, in der Mitte läuft es am schnellsten. Die Zwölferregel bildet das im Kopf ab — ohne Kurve, ohne Taschenrechner, mit sechs Zahlen, die man sich merken kann.
- Die Regel in einem Satz
- Wie genau sie ist
- Sechs gleiche Teile — aber wovon
- Der Fehler, den fast jede Ankerrechnung macht
- Die Frage vor dem Schwojradius: Wasser unter dem Kiel
- Die Ostsee: Wind statt Tide
- Was eine App dabei tun darf
Die Regel in einem Satz
Der Tidenhub verteilt sich auf sechs gleiche Zeitteile in Zwölfteln: 1 · 2 · 3 · 3 · 2 · 1. Im ersten Sechstel fällt ein Zwölftel des Hubs, im zweiten zwei, im dritten und vierten je drei, dann wieder zwei und eins.
Zusammengezählt heißt das: nach einem Sechstel der Zeit ist ein Zwölftel des Hubs gelaufen, nach der halben Zeit die Hälfte, nach fünf Sechsteln elf Zwölftel.
| nach … der Astdauer | gelaufen | Beispiel bei 2,40 m Hub |
|---|---|---|
| 1/6 | 1/12 = 8,3 % | 0,20 m |
| 2/6 | 3/12 = 25 % | 0,60 m |
| 3/6 | 6/12 = 50 % | 1,20 m |
| 4/6 | 9/12 = 75 % | 1,80 m |
| 5/6 | 11/12 = 91,7 % | 2,20 m |
| 6/6 | 12/12 = 100 % | 2,40 m |
Wie genau sie ist
Die Regel ist eine Näherung an eine Sinuskurve — an die Form also, die eine Gezeit in erster Näherung wirklich hat. Rechnet man beide gegeneinander, liegt der größte Unterschied bei 2,6 % des Hubs, und er tritt kurz nach dem Scheitel auf.
Bei 2,40 m Hub sind das gut sechs Zentimeter. Bei vier Metern Hub — Nordsee, mittlere Tide — sind es zehn. Das ist weniger, als ein einziger Schwell das Boot hebt, und damit für jede Entscheidung an Bord genau genug.
Sie gilt für halbtägige Gezeiten mit zwei ähnlichen Hochwassern am Tag. In Revieren mit eintägiger oder gemischter Tide, in engen Buchten mit Eigenschwingung und in Flussmündungen mit stark ungleichen Ästen weicht die Kurve so weit ab, dass nur der Gezeitenkalender des Reviers zählt.
Sechs gleiche Teile — aber wovon
Die verbreitete Kurzfassung lautet „ein Zwölftel je Stunde“. Das ist bequem und fast immer falsch. Ein halbtägiger Ast dauert im Mittel sechs Stunden und zwölf Minuten, aber eben nur im Mittel. In Tideflüssen läuft die Flut deutlich kürzer als die Ebbe — das Wasser drückt schneller herein, als es abläuft.
Wer dort mit starren Stunden rechnet, liegt am Ende des Astes leicht um eine Stunde daneben, und eine Stunde ist bei einer Kurve, die in der Mitte am steilsten verläuft, ein halber Meter oder mehr.
Richtig ist deshalb: die tatsächliche Dauer zwischen den beiden Scheiteln nehmen und sie in sechs gleiche Teile teilen. Beide Zeiten stehen im Gezeitenkalender — sie müssen nur benutzt werden.
Der Fehler, den fast jede Ankerrechnung macht
Wer den Schwojradius rechnet, braucht den niedrigsten Wasserstand: Weniger Tiefe bei gleicher Kettenlänge bedeutet mehr waagerechten Abstand zum Anker, also einen größeren Kreis. Rechnet man mit Hochwasser, schlägt der Alarm bei Niedrigwasser grundlos an.
Der übliche Weg dorthin lautet: gemessene Tiefe minus Tidenhub. Und genau da steckt der Fehler. Denn der Hub ist die Spanne zwischen Hoch- und Niedrigwasser — er sagt nichts darüber, wo man gerade steht.
Hochwasser 12:00 bei 3,00 m, Niedrigwasser 18:12 bei 0,60 m. Der Hub beträgt 2,40 m.
Wer um 12:00 ankert, dem fällt das Wasser bis zum Niedrigwasser um volle 2,40 m — dort stimmt die übliche Rechnung.
Wer um 17:12 ankert, eine Stunde vor Niedrigwasser, dem fallen noch 0,19 m. Das ist ein Zwölftel. Die übliche Rechnung zieht das Zwölffache ab.
Was zählt, ist nicht der Hub, sondern der noch bevorstehende Fall — vom Zeitpunkt des Ankerns bis zum tiefsten Stand, den man in dieser Nacht noch erlebt. Steigt das Wasser bis zum Aufstehen nur noch, fällt gar nichts mehr, und die Zahl ist null.
Beim Schwojradius selbst macht das oft weniger aus, als man denkt: Bei sechs Metern Wasser und dreißig Metern Kette liegt der Unterschied unter einem halben Meter, weil die Kette ohnehin flach liegt. Der Gewinn ist nicht die Größe, sondern dass die Zahl stimmt — und die zweite Zahl, die dabei herauskommt, ist die wichtigere.
Die Frage vor dem Schwojradius: Wasser unter dem Kiel
Ein zu großer Alarmkreis weckt die Crew. Zu wenig Wasser setzt das Boot auf den Grund. Die Reihenfolge der beiden Sorgen ist damit klar.
Die Rechnung ist einfach, wenn der bevorstehende Fall einmal dasteht: gemessene Tiefe − noch fallend − Tiefgang. Beide Tiefen beziehen sich auf dieselbe Wasserlinie, also geht sie auf.
Wichtig ist, was passiert, wenn das Ergebnis negativ wird. Dann gehört dort die negative Zahl hin und keine Null. Wer „0,0 m“ liest, glaubt an eine knappe Punktlandung; wer „−0,4 m“ liest, weiß, dass das Boot aufsetzt, und sucht sich einen anderen Platz.
Die Ostsee: Wind statt Tide
In der westlichen Ostsee liegt der astronomische Hub bei zehn bis zwanzig Zentimetern. Was den Wasserstand dort wirklich bewegt, ist der Wind: anhaltender Weststurm staut auf, ablandiger Ostwind nimmt weg — beides in einer Größenordnung, gegen die die Tide verschwindet. In keinem Gezeitenkalender steht das.
Ein Blick auf die gemessenen Pegel der Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung zeigt das deutlich. Warnemünde am 30. und 31. August 2026, 1436 Messwerte im Minutentakt:
| Zeitpunkt | Wasserstand |
|---|---|
| 30.08. 09:00 | 511 cm |
| 30.08. 16:00 | 499 cm |
| 30.08. 21:00 | 508 cm |
| 31.08. 03:00 | 498 cm |
| 31.08. 07:00 | 509 cm |
Eine halbtägige Schwingung ist erkennbar, aber sie beträgt rund zehn Zentimeter, und die Äste dauern zwischen fünf und sieben Stunden statt der gewohnten sechs. Über den ganzen Tag liegt die Spanne bei fünfzehn Zentimetern.
Für den Ankeralarm ist das ohne Bedeutung. Für die Frage, ob das Fahrwasser zur Heimatbrücke reicht, ist es das nicht — und dafür ist der gemessene Pegel die richtige Quelle, nicht die Rechnung. Er enthält den Windstau bereits.
Gezeitenkalender — die Vorhersage der Scheitel. Astronomisch gerechnet, Tage im Voraus verfügbar, ohne Wind.
Gemessener Pegel — was das Wasser gerade wirklich tut, mit Windstau, aber ohne Blick nach vorn.
Wer plant, braucht den ersten. Wer heute Abend ankert, den zweiten.
Was eine App dabei tun darf
Rechnen und vorschlagen. Nicht setzen.
Eine Zahl, die sich von selbst in einen Alarm schreibt, glaubt niemand nachts um drei — und zwar zu Recht, denn niemand weiß dann noch, woraus sie entstanden ist. Der Weg vom Rechenergebnis in den Alarmradius gehört deshalb an einen bewussten Tastendruck.
Ebenso gehört dazu, die Grenzen der eigenen Rechnung zu benennen. Aus zwei Scheiteln lässt sich ein Verlauf über die Nacht fortschreiben, indem man Dauer und Hub wiederholt — aber ab dem zweiten Ast ist das eine Annahme und keine Auskunft. Eine Zahl, die niemand mehr nachrechnet, ist gefährlicher als keine.
Der Ankerbildschirm rechnet die Zwölferregel aus vier Zahlen des Gezeitenkalenders: zwei Zeiten, zwei Höhen. Er nennt den noch bevorstehenden Fall neben dem ganzen Hub, sagt dazu, wie viel Wasser beim tiefsten Stand unter dem Kiel bleibt, und übernimmt nichts von selbst. Liegt der Hub unter dreißig Zentimetern, schreibt er hin, dass in diesem Revier der Wind mehr ausmacht als die Tide.
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