Sicherheit an Bord

Seenotruf: der Weg, der immer funktioniert

UKW 16 vor allem anderen — und was durchzugeben ist

Wissen · Sicherheit an Bord

SicherheitSeefunkLesezeit 7 Min

Ein Notruf auf See ist keine Telefonnummer. Er ist ein Funkspruch, und er erreicht in dem Moment, in dem er abgesetzt wird, nicht nur eine Leitstelle, sondern jedes Schiff in Reichweite. Das ist der Grund, warum UKW Kanal 16 vor allem anderen steht — auch vor der 112.

Inhalt
  1. Warum UKW vor dem Handy kommt
  2. Kanal 16 und DSC Kanal 70
  3. Was in den Funkspruch gehört
  4. Die Position richtig durchgeben
  5. Die zuständige Seenotleitstelle
  6. Ärztlicher Rat ohne Notfall
  7. Was eine App dabei tun darf — und was nicht

Warum UKW vor dem Handy kommt

Ein Handy erreicht eine Leitstelle. Ein Funkspruch erreicht die Leitstelle und jedes Schiff in Reichweite. Auf See ist das der entscheidende Unterschied: Das nächste Schiff ist fast immer schneller da als jedes Rettungsmittel von Land. Wer die 112 wählt, spricht mit einer Stelle; wer Kanal 16 ruft, spricht mit allen.

Dazu kommt die Reichweite. Mobilfunk endet ein paar Seemeilen vor der Küste, und er endet ohne Vorwarnung. UKW hat an Bord eine feste Antenne im Masttop und damit eine Reichweite, die sich aus der Höhe ergibt und nicht aus der Netzabdeckung eines Anbieters.

Die Reihenfolge, die zählt

UKW Kanal 16 mit DSC — dann, falls in Mobilfunkreichweite, die 112. Nicht umgekehrt. Ein Handy erreicht kein Schiff in der Nähe.

Kanal 16 und DSC Kanal 70

Kanal 16 ist der Sprechkanal für Not-, Dringlichkeits- und Sicherheitsverkehr. Er wird von Küstenfunkstellen und von Schiffen abgehört. Kanal 70 ist der digitale Kanal: Ein DSC-Notalarm überträgt Kennung, Position und Zeit automatisch, ohne dass jemand sprechen muss.

Beides gehört zusammen. Der DSC-Alarm setzt die Meldung ab und weckt die Empfänger; das Gespräch läuft danach auf Kanal 16. Wer nur eines von beiden kann, kann immer noch rufen — aber wer eine DSC-fähige Anlage hat, sollte den Alarm auch auslösen, denn er trägt die Position mit.

Was in den Funkspruch gehört

Es sind wenige Angaben, und sie stehen in einer festen Reihenfolge. Wer sie vorher aufgeschrieben hat, liest ab, statt zu suchen.

AngabeWarum sie gebraucht wird
MAYDAY, dreimalKennzeichnet den Notruf. Danach erst der Rest.
SchiffsnameWer ruft. Ebenfalls dreimal.
MMSIDie neunstellige Kennung der Funkanlage. Sie verbindet den Sprechfunk mit dem DSC-Alarm.
RufzeichenDie amtliche Kennung des Schiffes.
PositionIn Grad und Minuten. Siehe unten.
Personen an BordBestimmt, welche Mittel die Leitstelle schickt.
Art des NotfallsWas passiert ist und welche Hilfe gebraucht wird.

MMSI und Rufzeichen sind die beiden Angaben, die im Ernstfall am häufigsten fehlen — sie stehen in Papieren, die nicht im Cockpit liegen. Sie gehören an eine Stelle, an die man mit nassen Händen kommt.

Die Position richtig durchgeben

Seekarten, Funkverkehr und Seenotleitstellen arbeiten mit Grad und Dezimalminuten. Also so:

54° 10,80′ N   012° 05,40′ E

Nicht so:

54,18000   12,09000

Beide Zahlen bezeichnen denselben Punkt. Nur muss die Gegenstelle die zweite Form erst umrechnen — und im Funkverkehr wird nicht gerechnet. Viele Plotter und Mobilgeräte zeigen ab Werk Dezimalgrad an; das ist die Einstellung, die man vor der ersten Fahrt ändert.

Faustregel

Grad bleiben Grad. Der Nachkommateil wird mit 60 multipliziert und ergibt die Minuten: 0,18 × 60 = 10,8 Minuten.

Die zuständige Seenotleitstelle

Jedes Seegebiet hat eine Stelle, die die Rettung koordiniert — ein Maritime Rescue Coordination Centre. In deutschen Gewässern ist das MRCC Bremen, in dänischen JRCC Denmark, in schwedischen JRCC Sweden, und so weiter rund um die Ostsee und die Nordsee.

Für den Notruf selbst braucht man diese Nummern nicht: Kanal 16 erreicht die zuständige Stelle ohnehin, und sie meldet sich selbst. Die Nummern sind für den zweiten Weg gut — wenn die Funkanlage ausfällt und Mobilfunk vorhanden ist.

Wichtig ist, dass man sie nicht rät. Wer im Grenzgebiet zwischen zwei Zuständigkeiten fährt, ruft im Zweifel über UKW und lässt die Stelle sich melden. Eine falsche Nummer kostet im Notfall Minuten.

Ärztlicher Rat ohne Notfall

Nicht jede Verletzung an Bord ist ein Seenotfall, und trotzdem will man selten allein entscheiden. Dafür gibt es die funkärztliche Beratung — und sie läuft über denselben Weg wie der Notruf, nicht über eine eigene Nummer. Kanal 16 genügt, um danach zu fragen.

Bei der deutschen Rettungsleitstelle See ist der medizinische Arbeitsplatz rund um die Uhr besetzt; telemedizinisch kommen Fachärzte hinzu. Über Funk erreicht man sie als Bremen Rescue Radio. Weltweit, rund um die Uhr und kostenfrei gibt es zusätzlich TMAS Germany · Medico Cuxhaven.

Nach einem Mann-über-Bord

Ob jemand unverletzt ist, entscheidet nicht der Schiffsführer. Unterkühlung und Kreislaufprobleme zeigen sich mit Verzögerung — der Betroffene wirkt zunächst ansprechbar. Ärztlichen Rat einzuholen ist hier der Normalfall, nicht die Ausnahme.

Was eine App dabei tun darf — und was nicht

Eine App an Bord kann zwei Dinge gut: Angaben bereithalten und sie lesbar darstellen. Beides hilft in dem Moment, in dem jemand schon spricht und die Zahlen ablesen muss.

Was eine App nicht tun darf, ist alarmieren. Ein Notruf ist eine bewusste Handlung. Eine Anwendung, die selbstständig auslöst, erzeugt Fehlalarme, und Fehlalarme kosten Rettungsmittel, die anderswo gebraucht werden. E-Mail ist ohnehin kein Alarmierungsweg.

Und sie darf nichts raten. Ein Feld „Art des Notfalls“, das mit einem Vorschlag vorbelegt ist, wird im Ernstfall unverändert abgelesen — von jemandem, der gerade etwas anderes im Kopf hat. Solche Felder bleiben leer.

In PELARON

Die Notfallseite hält Bootsname, MMSI, Rufzeichen, Personen an Bord und die Position in Grad und Dezimalminuten bereit — offline, ohne Konto. Die zuständige Seenotleitstelle wird aus der Position ermittelt; liegt keine vor, nennt die App keine Nummer und verweist auf Kanal 16. Ausgelöst wird nichts von selbst.

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