Entwicklungstagebuch, Teil 32 · 3. September 2026, ganzer Tag
Am Nachmittag stand ich mit dem iPad in der Hand da und habe auf einen Bildschirm gesehen, der mir zwei Zahlen gezeigt hat. Vierzehn Meter vom Ankerpunkt. Alarmradius zehn Meter.
Und nichts ist passiert.
Mein erster Gedanke war nicht, dass die Anzeige falsch sein könnte. Mein erster Gedanke war: Die App weckt nicht.
Das ist der Punkt, an dem so eine Sache gefährlich wird. Ein Ankeralarm hat genau eine Aufgabe, und wenn ich anfange, ihm nicht mehr zu glauben, kann ich ihn auch gleich ausschalten. Ich habe in dem Moment nicht überlegt, ob da vielleicht ein Anzeigefehler steckt. Ich habe überlegt, ob ich einer Software vertraue, die mich nachts wecken soll.
Was wirklich los war
Gerechnet hat sie richtig.
Ich hatte den Anker mit fünfundfünfzig Metern gesetzt und danach den Regler auf zehn gezogen. Der Regler stellt aber nur ein, was beim nächsten Mal gelten soll. Die laufende Wache hat weiter über ihre fünfundfünfzig Meter gewacht — und bei vierzehn Metern ist das kein Alarm, das ist ein Boot, das brav in seinem Kreis liegt.
Falsch war nur das, was auf dem Schirm stand. Die Kopfzeile hat den Regler angezeigt statt den Kreis, über den gewacht wird. Die Scheibe mit dem gestrichelten Ring auch.
Ich habe also einen Kreis gesehen, den es nicht gab.
Es ist behoben. Der Regler wirkt jetzt sofort auf die laufende Wache, der Ankerpunkt bleibt liegen, und in der Liste der Vorgänge steht danach eine Zeile, dass ich den Radius geändert habe. Aber der Ärger bleibt: Das war kein Rechenfehler. Das war ein Bildschirm, der etwas behauptet hat.
Sachen, die niemand gesucht hat
Das Merkwürdige am heutigen Tag ist, dass fast alles, was gefunden wurde, in keiner Aufgabe stand.
Da war eine Zeile im Gezeitenrechner, die den Tiefgang meines Bootes holen sollte. Sie hat unter einem Namen gesucht, den es nicht gibt — einen Buchstaben daneben, englisch statt deutsch. Was das gekostet hat: Der Satz „Beim tiefsten Stand bleiben so und so viel Meter unter dem Kiel" ist nie erschienen. Und mit ihm nicht die Warnung, dass das Boot aufsetzt.
Das ist die wichtigste Zeile in dem ganzen Rechner. Sie war seit dem einunddreißigsten August tot, und es hat nichts gemeldet. Keine Fehlermeldung, keine leere Stelle. Der Satz wurde einfach nicht gebaut.
Dasselbe an einer anderen Stelle: Die Wetterangaben, die seit Tagen in jeden Logbucheintrag geschrieben werden, haben zum Anzeigen nach einer Kennung an der Zeile gesucht. Die Kennung gab es nicht. Also standen Bewölkung, Luftdruck und Sicht fünf Tage lang im Speicher und nirgends auf dem Schirm.
Und der dritte Fall von derselben Sorte, der mich am meisten stört: Wenn die Windrichtung fehlt, stand auf dem Wetterblatt Nord. Nicht ein Strich, nicht „unbekannt". Nord.
Bei einer Zahl, die fehlt, springt die Rechnung auf Null — und null Grad ist nun mal Norden. Dasselbe Missverständnis gab es heute schon dreimal an anderen Stellen: aus einer fehlenden Wellenhöhe wurde „spiegelglatte See", aus einer fehlenden Position wurde ein Punkt im Golf von Guinea.
Was fehlt, ist keine Null. Der Satz klingt banal. Er hat heute vier Befunde erklärt.
Was mir selbst um die Ohren geflogen ist
Ich habe heute Abend die Prüfliste angesehen, die ich am Donnerstag mit aufs Boot nehmen soll. Sechsundsechzig Punkte, die ich dort abhaken will.
Statt der Kästchen stand da sechsundsechzigmal ein Platzhalter. Irgendein Werkzeug hatte ihn nicht ersetzt, und niemand hat das fertige Blatt angesehen — es wurde gebaut, abgelegt, für erledigt gehalten.
Dazu kam noch, dass in den Prüflisten des Tages die fett gesetzten Sollwerte gar nicht fett waren. Auch das fällt nur auf, wenn man das fertige Blatt anschaut statt den Text, aus dem es gemacht wurde.
Und dann die Uhrzeit. Mir wurde am frühen Abend geschrieben, der Sonnenuntergang sei schon gewesen und die Prüfung der Ankerlaterne verpasst. War sie nicht — es war noch nicht mal acht. Zwei Stunden Unterschied zwischen zwei Uhren, und eine davon war einfach nicht nachgesehen worden.
Es sind Kleinigkeiten. Aber es sind Kleinigkeiten derselben Art wie die großen: etwas hingeschrieben, statt nachzusehen.
Wo ich am Abend stehe
Ich bin ehrlich: An der nativen App hat der Tag auch heute nicht viel gebracht.
Es sind Sachen dazugekommen, die stimmen — die Wache merkt sich jetzt, was ihr in der Nacht zugestoßen ist, und das überlebt auch, wenn das iPad die App abschießt. Vorher stand am Morgen „ein Eintrag" da, egal was nachts los war. Das ist richtig so, und es war nötig. Aber es fühlt sich noch nicht an wie Vorankommen. Es fühlt sich an wie Aufräumen.
Die Webfassung dagegen hat ordentlich aufgeholt. Da ist heute wirklich etwas passiert: Die Ankerlaterne meldet sich, der Seenotruf spricht den richtigen Wortlaut, die Position steht überall in der Schreibweise, die man ins Funkgerät gibt. Und seit heute Abend gibt es dort eine Tiefenwache, die weckt, wenn zu wenig Wasser unter dem Kiel steht — mit einem Filter für die Aussetzer, die es beim Schwojen zwangsläufig gibt.
Am Abend war dann alles durch. Vierzehn Lieferungen an einem Tag, jede einzelne geprüft und bestanden — auch die beiden, die erst nach dem Abendessen fertig wurden. Und die Ankerlaterne hat pünktlich um kurz vor acht in beiden Fassungen umgeschaltet, ohne dass ich etwas antippen musste. Beide nennen denselben Sonnenaufgang, auf die Minute. Das ist eine Kleinigkeit, aber es sind zwei getrennt gebaute Rechnungen, und sie kommen auf dasselbe.
Neun Sachen sind heute aufgefallen, die auf keiner Liste standen. Ich habe gemischte Gefühle dabei. Es beunruhigt mich, dass sie da waren — manche seit Tagen, mitten in Funktionen, die ich für fertig gehalten habe.
Aber froh bin ich trotzdem, dass sie aufgefallen sind. Lieber jetzt am Schreibtisch als in einer Nacht vor Anker.
Was ich mitnehme
Gestern hieß die Lehre: erst messen, dann liefern.
Heute kommt eine dazu, und sie ist unbequemer. Wenn eine Datei bei einer anderen etwas sucht — einen Namen, eine Kennung, einen Wert —, dann muss jemand nachzählen, ob es das gibt. Sonst passiert genau das, was heute dreimal passiert ist: Die Sache ist still. Kein Fehler, kein Hinweis, nichts. Nur eine Zeile, die nie erscheint.
Und das andere, was ich mir merke, ist nichts Technisches. Als heute Nachmittag nichts passiert ist, habe ich der App misstraut und nicht dem Bildschirm.
Das sagt mehr über den Fehler als jede Messung.
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