Entwicklungstagebuch · Teil 21

Die Regel gab es längst

Entwicklungstagebuch, Teil 21 · 25. August 2026

Entwicklungstagebuch, Teil 21 · 25. August 2026

An Bord tippt man mit nassen Fingern. Bei Seegang, mit Handschuhen, gegen die Sonne. Deshalb steht in meinen Anforderungen seit Monaten, dass kein Bedienfeld kleiner als 44 Punkte sein darf, und dass Text genug Kontrast haben muss.

An diesem Tag habe ich gelernt, dass das Aufschreiben einer Regel und das Einhalten einer Regel zwei verschiedene Arbeiten sind — und dass ich die zweite nie gemacht hatte.

Zehn Punkte sind vom Register verschwunden, neun Lieferungen sind auf den Server gegangen. Das ist die Bilanz. Interessanter ist, was beim Messen herauskam: Vier Befunde, die nichts miteinander zu tun zu haben schienen, hatten am Ende dieselbe Form.

Vier Befunde, eine Form

Der erste war ein Überlauf nach rechts. Bei 1024 Bildschirmpunkten ragte die Startseite 213 Punkte über den Rand hinaus. Sehen kann man das nicht. Man merkt es nur daran, dass sich die Seite seitlich schieben lässt.

Die Ursache war eine Zeile, die man tausendfach so schreibt. Sie bedeutet „nimm den verfügbaren Platz“ — heißt aber in Wahrheit „nimm mindestens so viel, wie der Inhalt braucht“. Passt der Inhalt nicht, wächst die Spalte über ihren Behälter hinaus, statt umzubrechen.

Nachgemessen über vier Bildschirmbreiten waren es nicht zwei Überläufe, wie im Heft stand, sondern vier. Und die Reparatur vom Vortag hatte in einem Block gestanden, der nur unterhalb von 560 Punkten gilt. Sie hat den Fall behoben, an dem gemessen worden war. Nicht die Ursache.

Der zweite waren Bedienfelder unter 44 Punkten. Im Heft stand seit Tagen die Zahl 25, mit dem Vermerk, sie sei nicht nachmessbar. Sie war es inzwischen. Und sie war in beide Richtungen falsch.

Das angebliche kleinste Element mit 13 × 13 Punkten war eine Messung am falschen Ding — bei einem Ankreuzfeld ist auch die Beschriftung daneben anklickbar, und die ist hoch genug. Dafür fehlten neunzehn Befunde, die niemand gezählt hatte: die gesamte Seitennavigation. Knöpfe 42 Punkte, Gruppenüberschriften 38.

Und dann kam die Zahl, die mir den Tag verdorben hat. Dieselbe Datei setzt an neunundzwanzig Stellen ausdrücklich 44 Punkte als Mindesthöhe. An sechzehn Stellen setzt sie etwas darunter.

Die Regel war da. Sechzehn Stellen hielten sich nicht daran.

Der dritte war Kontrast. Ein Prüfläufer meldete zwanzig Stellen unter dem Grenzwert. Nachgerechnet waren es zwanzig Stellen, aber nur fünf Farbpaare, und davon drei echte. Die schlechteste: 3,05 zu 1, wo 4,5 verlangt sind — ein Datum in der Törnübersicht.

Die drei Farben standen in zwei Dateien, die nicht die Hauptstildatei sind. In der Hauptstildatei steht seit dem Sommer eine dunklere Variante der Markenfarbe, eigens angelegt, weil die helle für Text zu schwach war. Und ein Grauton, der drei Tage vorher an 159 Stellen nachgezogen wurde, aus demselben Grund.

Zwei Dateien haben von beidem nie etwas mitbekommen. Diesmal war die Grenze keine Bildschirmbreite, sondern eine Dateigrenze.

Der vierte war der Schwojkreis in der Ankerwache, der aus seiner eigenen Karte lief. Ursache: dieselbe wie beim ersten, nur eine Ebene tiefer.

Was das gemeinsam hat

Vier Symptome, ein Muster: Es fehlte nirgends die Regel. Es fehlte überall die Reichweite.

Das ist etwas anderes als Nachlässigkeit, und es ist unangenehmer. Wer eine Regel aufstellt, hat das Gefühl, das Problem erledigt zu haben. Der Unterschied zwischen „wir schreiben 44 Punkte vor“ und „nirgends steht weniger als 44“ ist genau die Arbeit, die dazwischenliegt.

Und die sieht niemand, weil sie aus Nachzählen besteht.

Keiner der vier Befunde ist dadurch gefunden worden, dass jemand hingesehen hat. Alle vier kamen daher, dass ein Werkzeug alle zwanzig Ansichten in zwei Bildschirmbreiten durchgeklickt und jede Zahl aufgeschrieben hat.

Das Werkzeug, das dreimal korrigiert werden musste

Dieses Werkzeug war am Vortag entstanden und wurde am Vormittag eingesetzt. Am Nachmittag stellte sich heraus, dass es in drei von sechs Prüfungen nichts gemessen hatte.

Nicht „nichts gefunden“. Nichts gemessen.

Die App versteckt ihre Ansichten über eine Stilregel. Das Merkmal, nach dem das Werkzeug suchte, kommt in der ganzen Anwendung nicht vor. Also traf es immer die erste Ansicht im Dokument — fast immer eine unsichtbare. Deren Elemente haben die Größe null und wurden von der eigenen Sichtbarkeitsprüfung sauber aussortiert.

„Kontrast: nichts gefunden“ war also keine Auskunft. Es war eine leere Zeile. Und sie stand in drei Lieferberichten.

Der zweite Fehler: Gemessen wurde, ohne die Bewegung abzuschalten. Ein Knopf, der beim Antippen auf 48 Punkte wächst, wird kurz danach als 42 gemessen.

Der dritte: Bei halbdurchsichtigem Hintergrund nahm die Rechnung die erste nicht ganz durchsichtige Schicht als Grund. Fünf Prozent Weiß auf dunklem Marineblau ist dunkel, nicht weiß — der Zähler meldete weißen Text auf weißem Grund. Zwei der zwanzig Kontrastbefunde waren auf diese Weise erfunden.

Dreimal an einem Tag korrigiert, und jedes Mal in dieselbe Richtung:

Das Werkzeug hat mehr behauptet, als es gemessen hat.

Dass es nach der Korrektur sofort etwas fand, ist übrigens der einzige Beleg dafür, dass es vorher nichts gemessen hat. „Nichts gefunden“ bedeutet erst etwas, wenn dasselbe Werkzeug an anderer Stelle etwas findet.

Eine Reparatur, die eine andere kaputtgemacht hat

Am Nachmittag kam für die Überläufe eine Regel dazu, die Knopfzeilen umbrechen lässt. Damit das funktioniert, müssen die Knöpfe darin unter ihre eigene Breite schrumpfen dürfen.

Zwei Stunden später, beim Nachmessen der Zielgrößen, tauchte ein Knopf auf, der 41 Punkte breit war statt 44.

Es war die eigene Zeile von vorhin. Sie hat genau das getan, was sie sollte, und dabei etwas anderes mitgenommen.

Gefunden hat das nicht das Nachdenken. Gefunden hat es die nächste Messung, zwei Stunden später, an einer Stelle, die mit dem Überlauf nichts zu tun hatte.

Und dann meine Terminalausgabe als Foto

Beim Prüfen einer Lieferung mit dreißig Dateien habe ich die Terminalausgabe als Bildschirmfoto geschickt, wie immer.

Neunundzwanzig Prüfsummen stimmten. Bei der dreißigsten meinte die KI, eine Abweichung zu sehen: d6e9 gegen de69, in einer Schrift, in der beides gleich aussieht.

Sie hat nachgefragt statt behauptet — und die Datei war richtig. Falsch war das Ablesen.

Ein Bildschirmfoto ist keine Messung. Wo eine Zahl zählt, muss sie als Text kommen.

Was an dem Tag nicht gemacht wurde

Ein Befund ist offen geblieben: 16 Punkte Höhenversatz zwischen zwei Bedienelementen in einer Zeile. Er ließ sich außerhalb des Prüfwerkzeugs nicht erzeugen — auch nicht, indem dessen Durchlauf nachgebaut wurde.

Also wurde nicht repariert, sondern das Werkzeug so erweitert, dass es beim nächsten Lauf sagt, welche zwei Elemente es sind.

Auf Verdacht zu liefern wäre derselbe Fehler wie eine Zahl im Heft, die niemand nachgemessen hat. Nur schneller.

Was ich mitnehme

Der Satz, den ich mir seit Wochen aufschreibe, hieß zuletzt: zuerst messen, dann behaupten — und vorher nachsehen, ob die Messung überhaupt gemessen hat.

Jetzt kommt der Teil dazu, der die vier Befunde verbindet:

Eine Regel, die es gibt, ist noch keine Regel, die gilt.

Zwischen beidem liegt eine Zählung. Wer sie nicht macht, hat am Ende neunundzwanzig Stellen, die sich daran halten, und sechzehn, die niemand je gefragt hat.

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