Entwicklungstagebuch · Teil 5

Der leere Notfallbildschirm

Entwicklungstagebuch, Teil 5 · 9. August 2026

Entwicklungstagebuch, Teil 5 · 9. August 2026

Ich bin beim Durchsehen zufällig draufgestoßen. Der Notfallbildschirm zeigte keine Leitstelle mehr.

Nicht einmal UKW Kanal 16.

Mein erster Gedanke war: kann doch nicht wahr sein.

Von allen Bildschirmen in dieser App ist das der eine, der funktionieren muss. Alles andere kann warten, kann falsch sein, kann einen Tag später repariert werden. Der nicht. Und ich habe ihn nur gesehen, weil ich gerade zufällig durchgeklickt habe.

Niemand hätte es gemerkt. Nicht bis zu dem Tag, an dem jemand ihn braucht.

Was dahintersteckte

Ein halb angewendeter Umbau. Eine Zeile griff auf etwas zu, das es nach der Änderung nicht mehr gab. Das ergibt einen Laufzeitfehler, und der ganze Bereich bleibt leer.

Eine Prüfung des Programmtexts findet so etwas nicht — die Schreibweise war ja korrekt. Es fällt erst beim Ausführen auf.

Der Fehler selbst war in Minuten behoben. Die Frage danach war die wichtigere:

Warum konnte eine einzelne kaputte Zeile den gesamten Notruf ausblenden?

Weil alles in derselben Rechnung hing. Die Ermittlung der zuständigen Seenotleitstelle aus Position, Revier oder Zielhafen ist der aufwendige Teil — und sie stand vor der Anzeige. Scheiterte sie, war auch das weg, was gar nicht berechnet werden muss.

Jetzt steht es umgekehrt

UKW Kanal 16 und DSC Kanal 70 stehen immer und zuerst da. Sie gelten überall und brauchen keine Berechnung.

Danach 112, mit dem Hinweis, dass es nur in Mobilfunkreichweite hilft und kein Handy ein Schiff in der Nähe erreicht. Erst dann die Leitstelle.

Was ohne Rechnung gilt, darf nicht von einer Rechnung abhängen.

Aus derselben Überlegung stammt eine zweite Entscheidung. Wenn Position und Zielhafen auf verschiedene Zuständigkeitsgebiete deuten, zeigt die App beide Nummern und sagt dazu, dass die Angaben auseinandergehen.

Es wäre eleganter gewesen, sich für eine zu entscheiden. Im Notfall ist eine zweite Nummer besser als eine stillschweigend verworfene — und wer über UKW ruft, bekommt die zuständige Stelle ohnehin von selbst ans Mikrofon.

Siebzehn von zweiundzwanzig

Am selben Tag fiel etwas auf, das größer war als der leere Bildschirm.

Auf dem Telefon wird die Seitenleiste ausgeblendet. Übrig blieben fünf Knöpfe: Home, Log, Anker, Bord, Notfall.

Damit waren siebzehn der zweiundzwanzig Ansichten nicht erreichbar — Wartung, Wetter, Häfen, Crew, Dokumente, Bordkasse. Also fast alles, was jemand unterwegs braucht.

Dazu zwei kleinere Ärgernisse. „Bord“ führte zum Inventar, was niemand vermutet. Und die Ankerwache belegte einen der fünf Plätze für etwas, das man selten braucht — auf einer Leiste, auf der jeder Platz zählt.

Die neue Aufteilung heißt Start, Logbuch, Wetter, Mehr, SOS. Die ersten drei sind das, was unterwegs am häufigsten gebraucht wird. „Mehr“ öffnet alle übrigen, nach denselben Gruppen wie am großen Bildschirm. SOS bleibt eigenständig und rot.

Eine Entscheidung, die man der App nicht ansieht

Beim Umbau der Bordkasse stand die Frage an, wie Zusatzangaben zu Personen gespeichert werden. Die naheliegende Lösung hätte die bestehende Struktur verändert — und wer eine ältere Sicherung eingespielt hätte, wäre seine Namen los gewesen.

Also liegen die Zusatzangaben jetzt daneben und werden über den Namen verknüpft. Weniger elegant, bricht aber nichts.

Solche Entscheidungen sieht man der App nie an. Sie sind trotzdem der Unterschied zwischen einer Aktualisierung, die man einspielt, und einer, nach der man das Logbuch neu tippt.

Ein Beispieltörn, der etwas erzählt

Zuletzt eine Kleinigkeit, die mir wichtiger wurde als gedacht.

Das Demo-Boot legte bisher einen Törn, drei Crewnamen und drei Wartungsaufgaben an. Das zeigt, dass es Module gibt — nicht, was sie miteinander tun.

Jetzt erzählt es einen zusammenhängenden Törn: Abfahrtscheck, Ablegen in Warnemünde, 58 Seemeilen nach Gedser bei auffrischendem Wind, Hafengeld. Am zweiten Tag ein Impellerschaden — Vorkommnis im Logbuch, Reparatur, Ersatzteil aus dem Bordvorrat, Kosten in der Bordkasse, Serviceeintrag in der Wartung, am Ende alles im Saisonrückblick.

Genau diese Verkettung ist der Grund, warum PELARON überhaupt gebaut wurde. Ein Defekt unterwegs soll nicht in vier verschiedenen Listen landen, die niemand miteinander verbindet.

Eine Funktionsliste kann das nicht zeigen. Ein Törn schon.

Was ich mitnehme

Der leere Notfallbildschirm hat mir zwei Sachen beigebracht, und nur eine davon ist technisch.

Die technische steht oben: Was ohne Rechnung gilt, darf nicht von einer Rechnung abhängen.

Die andere ist unbequemer. Ich habe ihn durch Zufall gefunden. Es gab keine Prüfung, die ihn gefunden hätte, keinen Ablauf, der ihn regelmäßig aufruft. Es gab mich, der an dem Abend zufällig durchgeklickt hat.

Darauf kann man ein Bordbüro nicht bauen.

← Zurück zum Entwicklungstagebuch

PELARON entsteht an Bord der Bluebaerry und am Schreibtisch in Erfurt. Fragen, Widerspruch und Fehlermeldungen sind willkommen.