Entwicklungstagebuch · Teil 38

Dazu dient der Törn

Entwicklungstagebuch, Teil 38 · 11. September 2026, abends

Entwicklungstagebuch, Teil 38 · 11. September 2026, abends

Heute war der erste richtige Törn mit der App an Bord. Warnemünde nach Kühlungsborn, knapp drei Stunden, Wind aus Südwest. Ich hatte mir das anders vorgestellt: einmal starten, hinterher einen fertigen Törnbericht ansehen und zufrieden sein. Was ich stattdessen bekommen habe, war eine Liste von Fehlern, wie sie in zwei Wochen am Schreibtisch nicht zusammengekommen wäre.

Und genau dafür fährt man raus.

Die Lücke

Das iPad lag in der Sonne und wurde zu warm. Irgendwann hat es sich selbst gesperrt — das kennt jeder, der schon mal im Sommer navigiert hat. Als ich es wieder aufgeweckt habe, war der laufende Törn nicht mehr da. Nicht pausiert, nicht wiedergefunden: beendet. Und mit ihm alle Einträge, die bis dahin entstanden waren.

Ehrlich? Das kann doch nicht wahr sein. So etwas zerstört die komplette Historie. Ein Logbuch, das eine Stunde vergisst, weil ein Gerät warm wird, ist kein Logbuch. Ich schreibe das hier so deutlich hin, weil es der schwerste Befund des ganzen Vorhabens ist — schwerer als jede falsch gedeutete Bitbelegung.

Die Daten waren übrigens da. Die Spur lag auf der Platte, die Einträge auch. Nur der Zustand „hier läuft ein Törn“ wurde beim Start nicht wieder hergestellt. Und weil kein laufender Törn da war, gab es auf dem Schirm auch keinen Knopf zum Beenden — nur einen zum Starten, und der hätte die Spur weggeworfen. Ein einziger Knopf, und der falsche.

Was man mit einem Logbuch nicht macht

Die KI hat mir dann vorgeschlagen, den fehlenden Törnanfang von Hand nachzutragen, mit der richtigen Uhrzeit. Der Zeitwähler lässt das ja zu.

Nein. Genau da macht man keine Handeinträge und ändert an den Uhrzeiten etwas. Das soll im Ernstfall vor Gericht Bestand halten. Ein Seetagebuch ist ein Nachweis, und wer Einträge rückdatiert, macht ihn wertlos — egal wie gut gemeint das ist.

Sie hat das sofort eingesehen, und daraus ist etwas Besseres geworden: Jeder Eintrag merkt sich ab jetzt zwei Zeiten. Wann das Ereignis war, und wann der Eintrag wirklich geschrieben wurde. Weichen sie voneinander ab, steht es dabei. Nachtragen bleibt erlaubt. Es zu verschweigen nicht.

Der Bericht, der nichts wusste

Der Törnbericht von heute Mittag war ein Sammelsurium. Jeder Eintrag stand doppelt drin. Die Strecke war null Komma null Seemeilen, obwohl ich sechseinhalb gefahren bin. Zwischen halb zwei und halb drei standen sechs Einträge „Kursänderung“ — da lag das Boot längst an der Leine und drehte sich im Wind. Die Dauer stimmte nicht mit Anfang und Ende überein. Und unter den Fahrtarten stand „Festgemacht“, mit Seemeilen und Stunden daneben, als wäre Liegen eine Art zu fahren.

Alles vier verschiedene Ursachen, alle vier gefunden und behoben. Die Strecke zum Beispiel: Der Bericht las das Feld für Handeingaben, und die Automatik schreibt in ein anderes. Die Zahlen waren die ganze Zeit da, sie kamen nur nicht an.

Ein Paddelrad voller Bewuchs

Die Logge hat heute nicht funktioniert, da ist Bewuchs dran, ich muss sie ziehen und säubern. Eine Kleinigkeit, dachte ich — und sie hat einen Fehler ans Licht gebracht, auf den wir sonst nie gekommen wären.

Wenn das Rad nicht dreht, meldet es null Knoten durchs Wasser. Über Grund lief ich mit gut vier. Aus diesen beiden Zahlen rechnet die App den Strom, und heraus kam ein Strom, der exakt meiner Fahrt über Grund entsprach. Eine Strömung, die es nicht gibt, mit voller Überzeugung ins Logbuch geschrieben. Der Plotter hat denselben Unsinn gerechnet und über den Bus geschickt.

Das steht jetzt im Heft: Meldet die Fahrt durchs Wasser null, während über Grund Fahrt ist, wird kein Strom gezeigt, sondern der Satz, was los ist.

Der Nachmittag: das Logbuch lernt sehen

Ab Mittag ging es Schlag auf Schlag. Meine Ansage war einfach — keine Tiefe, kein Wetter, kein Luftdruck vom iPad, baue einfach komplexer und liefere es komplett. Das hat sie gemacht.

Ein automatischer Eintrag trägt jetzt Wind, Tiefe, Wassertemperatur, Luftdruck, Krängung und Stampfen. Die Tiefe rechnet sich aus dem, was der Geber schickt, und dem, was ich bei den Bootsdaten eingetragen habe — beides zusammen, nicht eins statt des anderen. Der Luftdruck kommt aus dem Barometer des iPads, wenn eines da ist. Die Vorhersage holt sich die App beim Törnbeginn von selbst und danach immer wieder, sobald ich weit genug gefahren bin.

Und jeder Wert trägt, woher er kommt. Beobachtet, gemessen, vom Gerät, gerechnet, aus der Vorhersage. Das ist wichtiger, als es klingt: Ein Eintrag, der „Seegang drei“ behauptet, weil ein Wettermodell das gesagt hat, behauptet eine Beobachtung, die niemand gemacht hat.

Zwei Komma drei Grad

Am Steg in Kühlungsborn habe ich den Handbogen aufgemacht und gesehen, dass dort siebzehn Komma sieben Grad Wassertemperatur standen, aus der Vorhersage. Mein Instrument zeigte fünfzehn Komma vier.

Der Grund war dumm und schnell erklärt: Die Wassertemperatur liegt seit Wochen auf dem Bus an, wird auch richtig ausgelesen — aber die App hatte schlicht kein Feld dafür, in dem sie sie mit sich führt. Was nicht mitgeführt wird, sieht das Logbuch nie. Also nahm es den Wert aus dem Modell.

Eine Viertelstunde später stand dort mein Messwert. Und daneben steht jetzt, dass er gemessen ist.

Motor an heißt Maschinenfahrt

Am Abend kam die Frage, die mich selbst überrascht hat. Ich hatte gesagt: Motor an heißt Maschinenfahrt, so ist es. Und dann gefragt: und Segel gesetzt heißt dann was?

Die Antwort ist nicht „Unter Segel“, und das ist keine Haarspalterei. Es hängt daran, ob der Motor läuft. Segel oben und Motor an heißt Motorsegeln — und ein Segelboot unter Maschine ist rechtlich ein Maschinenfahrzeug. Andere Lichter, Motorkegel am Tag, andere Ausweichregeln. Wer nach einer Kollision sein Logbuch vorlegt, will da nicht „Unter Segel“ stehen haben, während der Motor lief.

Dafür gibt es jetzt zwei neue Knöpfe, und die App leitet die Fahrtart aus beidem ab. Was sie ausdrücklich nicht tut: raten. Motor aus und keine Segel — das wäre Treiben, und dafür schreibt sie nichts. Vor einer Schleuse muss ich mich schließlich auch festmachen, sonst treibe ich ab.

Segel an?

Dann stand da auf dem Knopf „Segel an“. Ehrlich — kann man Segel anschalten? Das hat mich massiv gestört, vor allem weil es unlogisch ist. Es heißt Segel setzen und Segel bergen, seit es Segelschiffe gibt. Und festgemacht würde ich auch ändern, in Anlegen.

Das Interessante daran: Die Webfassung macht es an anderer Stelle längst richtig. Der Knopf heißt „Ankern“, im Logbuch steht „Anker gesetzt“. Der Knopf sagt, was man tut, der Eintrag sagt, was geschehen ist. Bei drei Knöpfen war das durchgerutscht. Jetzt heißen sie Anlegen, Segel setzen und Segel bergen.

Kurz davor hatte der Bau zweimal hintereinander nicht durchgelaufen — beide Male, weil eine Liste um zwei Einträge gewachsen war und irgendwo noch die alte Zahl stand. Ich habe dann gesagt, ich warte, bis alles zusammen gebaut ist. Der Prüfer am Schreibtisch kann so etwas jetzt selbst finden, zumindest die Hälfte davon — und die andere Hälfte steht als Handgriff in den Arbeitsregeln, ehrlich dazugeschrieben, was das Werkzeug nicht kann.

Morgen wieder

Am Ende des Tages: sehr arbeitsreich. Ich denke aber, dass viele Fehler abgestellt wurden, und dazu dient ja der Törn. Der nächste kommt morgen, der Rücktörn nach Warnemünde. Mal schauen, was da noch so alles kommt.

Ich bin gespannt.

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