Entwicklungstagebuch · Teil 33

Das Bild war schöner als die Wirklichkeit

Entwicklungstagebuch, Teil 33 · 4. September 2026, ganzer Tag

Entwicklungstagebuch, Teil 33 · 4. September 2026, ganzer Tag

In meiner SKS-Ausbildung habe ich einen Seewetterbericht in der Hand gehabt, wie er aus dem Drucker kam. Ein schmaler Streifen, vielleicht zehn Zentimeter breit, in einer Schrift, bei der jeder Buchstabe gleich viel Platz bekommt. Sah aus wie ein Fax. Der Deutsche Wetterdienst hat ihn damals so über Funk verschickt, und die Empfänger an Bord haben ihn so ausgedruckt — oder nur auf dem Bildschirm gelesen, wer keinen Drucker hatte.

Ich hätte nicht gedacht, dass mir dieser Streifen drei Tage lang einen Fehler verstecken würde.

Drei Tage lang falsch, und keiner hat es gesehen

Der Seewetterbericht in PELARON kam seit Tagen an, aber er sah nicht richtig aus. Zeilen fehlten. Nicht irgendwelche — genau die, die im Original als Fortsetzung unter einer anderen Zeile stehen: der zweite Teil einer Windangabe, der Rest einer Warnung. Diese zweiten Zeilen waren weg. Das Ende des Berichts, die Fußnote mit den rechtlichen Hinweisen, war dagegen plötzlich achtzehn Zeilen lang.

Der Grund war der Fernschreiber. Der Bericht, so wie der Wetterdienst ihn heute noch bereitstellt, trägt am Anfang, am Ende und an jedem Zeilenende Steuerzeichen aus der Zeit der Papierdrucker. Am Zeilenende stehen zwei Wagenrückläufe statt einem. Ein Programm, das Zeilen zählt, sieht dort eine Leerzeile, wo keine ist — und eine Leerzeile bedeutete in unserer Deutung: Hier endet ein Absatz, die nächste Zeile ist keine Fortsetzung mehr.

Warum hat das drei Tage keiner gemerkt? Weil jeder Prüftext, mit dem die Deutung gebaut worden war, vorher durch einen kleinen Aufbereiter gelaufen war. Der hatte die Steuerzeichen sauber entfernt. Alle Prüfungen bestanden. Sie prüften nur eine Fassung des Berichts, die es in Wirklichkeit nicht gab.

Und dann noch einmal, am selben Tag

Am Vormittag ging der Seewetterbericht auch in die Webfassung. Ich habe ein Bild bekommen, wie das Blatt aussehen würde: ordentlich, mit Abstand zum Rand, sauber gegliedert. Dann habe ich es auf dem iPad geöffnet.

Total hässlich. Die Kopfzeile klebte am Rand und lief über den weißen Bereich hinaus, der Text stand ohne Abstand an der Kante, und am Schließen-Kreuz saß ein orangefarbener Kreis, der da nichts zu suchen hatte. Was vorher mit den Kacheln wirklich hübsch ausgesehen hatte, war jetzt ein Klotz.

Mein erster Gedanke war nicht, dass da ein Programmierfehler steckt. Mein erster Gedanke war: Da hat die KI wieder einmal etwas zerstört, was vorher vom Design her gestimmt hat.

Die Ursache war dieselbe wie beim Fernschreiben, nur an anderer Stelle. Das Bild, das ich vorher gesehen hatte, war mit einer selbst geschriebenen Ersatzvorlage für die Gestaltung gerendert worden — weil die echte Stildatei der Seite nicht vorlag. Der Ersatz gab dem Blatt einen Innenabstand, den die echte Datei an dieser Stelle gar nicht kennt. Wieder war gegen eine Fassung geprüft worden, die es nicht gibt.

Die echte Stildatei liegt jetzt im Übergabeordner. Wer künftig ein Bild vom fertigen Blatt macht, macht es damit — oder gar nicht.

Der Nachmittag

Ich hatte gesagt: Baue an der nativen App weiter, die ist wichtiger. Beim Auslesen der Webfassung fiel etwas auf, das nichts mit dem Wetter zu tun hatte. Derselbe Törn stand mit zwei verschiedenen Motorstundenzahlen auf dem Schirm. In der Törnhistorie mit der Summe der Zählerstände, im Törnbericht mit ihrer Differenz. Aus fünf Betriebsstunden wurde in der Historie eine Zahl, die eher nach dem Zählerstand selbst aussah als nach einer Fahrt.

Ein Feld, zwei Bedeutungen. Die Webfassung führt dort eine Laufzeit je Eintrag und darf addieren. Die native App führt einen Zählerstand und darf es nicht. Beim Nachbauen war die Rechenart mitgekommen, die Bedeutung nicht.

Und als die Berichtigung geprüft werden sollte, kam die Überraschung des Tages: Die Prüffälle des Kerns liefen gar nicht. Seit dem dritten September nicht mehr. Drei Prüfdateien hatten den Bau blockiert — Prüffälle in der falschen Klasse, falsche Feldnamen, Vergleiche gegen einen Wert, der fehlen darf. Und die Zahl, die mir jeden Tag als „Prüffälle bestanden“ genannt worden war, war die Zahl der Zeilen im Quelltext, in denen das Wort Prüffall vorkommt. Gezählt, nicht gelaufen.

Ich habe gefragt, ob die langen Prüfungen der letzten Tage damit vergebens waren. Die Antwort war: zum Teil. Alles, was ich selbst am Bildschirm geprüft hatte, galt weiter. Die Webfassung war nicht betroffen. Aber vier Lieferungen für den Kern standen als bestanden im Heft, ohne dass ein einziger ihrer Prüffälle gelaufen war.

Was der erste echte Lauf fand

Als der Kern wieder baute, fielen sechs Prüfungen durch. Keine davon war ein Fehler im Programm, alle waren Fehler in den Prüfungen selbst — und jede hatte eine Geschichte. Manche verlangten von der Bordapotheke, dass sie das Zeichen „bleibt auf dem Gerät“ trägt, obwohl im Quelltext seit Anfang September mit Begründung steht, dass sie es nicht tragen darf. Eine verglich eine Windrichtung, die praktisch Nord war, mit Nord und nannte den Abstand riesig — weil sie den Kompass nicht als Kreis las. Eine scheiterte an Mikrosekunden, weil eine Zeitangabe beim Speichern auf ganze Sekunden gerundet wird.

Und eine hatte eine falsche Zahl im Prüffall stehen, und hätte beinahe den Code verbogen. Die Wiedergabe einer Aufzeichnung setzt nach einer Pause bei der letzten gespielten Zeile wieder an, nicht beim Stand der Uhr. Das ist richtig so: Der Abstand zwischen zwei Sätzen ist der Inhalt einer Aufzeichnung. Wer bei der Uhr fortsetzt, verkürzt ihn — und misst dann nicht mehr die Aufzeichnung, sondern seine eigene Pause. Der Prüffall hatte das Gegenteil verlangt. Wir haben den Prüffall geändert, nicht den Code.

Was bleibt

Zwei Regeln, die an einem Tag zweimal gebrochen wurden und jetzt im Heft stehen. Ein Prüfbild wird gegen die echte Stildatei gerendert, sonst misst es den eigenen Ersatz. Und eine Zahl, die auch bei einem Fehlschlag herauskommt, ist keine Prüfung — zu jeder Lieferung für den Kern gehört die Zeile, die der Prüfläufer selbst ausgibt, mit der Zahl der gelaufenen Fälle und der Zahl der Fehler. Ohne sie steht im Heft nichts von bestanden.

Der Seewetterbericht kommt weiter als Fernschreiben an, mit allen Steuerzeichen, und wird auch so gespeichert. Nur die Deutung sieht jetzt darüber hinweg. Der schmale Streifen aus der SKS-Ausbildung war die ganze Zeit die Wahrheit. Man musste ihn nur einmal so ansehen, wie er wirklich ist.

← Zurück zum Entwicklungstagebuch

PELARON entsteht an Bord der Bluebaerry und am Schreibtisch in Erfurt. Fragen, Widerspruch und Fehlermeldungen sind willkommen.